Die Bestie im Mann - Aggressionen

Kultiviert, zuvorkommend, ruhig, freundlich und grundsätzlich auch etwas zurückhaltend, kein Bedrängen beim Kennenlernen - so schön werden die Schweizer Männer angepriesen. Aber sobald so ein netter Homo helveticus ins Auto einsteigt, mutiert er schlagartig zur Bestie, denn im Schweizer Strassenverkehr wird geflucht, abgedrängt und sogar geprügelt.

Einer Umfrage zufolge hat ein Drittel der Fahrer einen ausgeprägt aggressiven Fahrstil und fast zwei Drittel werden als auffällig ungeduldig eingestuft. Zur Gleichberechtigung kann man hinzufügen, dass die Schweizer Frauen diesbezüglich ja auch nicht so ganz ohne sind.

Fast jeder zehnte Autofahrer hat mindestens schon einmal einen anderen Verkehrsteilnehmer absichtlich abgedrängt. Umgekehrt wurde fast jeder zweite Fahrer schon mal Opfer dieser Art von Verkehrsmobbing. Ebenfalls hatte jede zweite Frau schon mal eine „verbale Auseinandersetzung“ im Strassenverkehr, bei den Herren der Schöpfung liegt dieser Wert mit 68 % eine Idee höher. Bei 7 % der männlichen Befragten war es auch schon zu gewissen Handgreiflichkeiten gekommen.

Da es sich durch geschlossene Autoscheiben trefflich schwer zanken lässt, hat sich in den letzten Jahren der Einsatz des zeichensetzenden beliebten Mittelfingersymbols bei 67 % der Frauen und 71 % der Männer gut bewährt.

 

Warum werden wir immer aggressiver?

Wie kommt das eigentlich, dass sich unser Verhalten hinter dem Steuer im Vergleich zu unserer sonstigen Lebenswirklichkeit so drastisch verändert (was übrigens auch bei unseren Bewegungen im www gilt)? Die Psychologen erklären das Phänomen damit, dass wir uns in unserem Auto quasi wie im Schutze einer Burg befinden. Dennoch können unsere Gefühle in der Abgeschlossenheit des Autos schnell in Raserei umschlagen, weil uns dort das Gestalten und Hören von höflichen Zwischentönen, wie bei jeder normalen Kommunikation, völlig unmöglich ist. Autos können sich eben nur die Vorfahrt nehmen oder eben nicht, da zählen nur die instantanen vollendeten Tatsachen.

 

Welche Autofahrer sind besonders aggressiv?

Menschen, die es gewohnt sind, Macht über andere auszuüben, haben ein Verhaltensmuster verinnerlicht, das auch im Strassenverkehr sonderbare Blüten treibt. Umgekehrt sind es aber oft auch ganz unscheinbare Persönchen, die im normalen Leben nicht für voll genommen werden, die nun beim Autofahren all die Schmähungen meinen kompensieren zu können. Es ist die Anonymität auf der Strasse (bzw. im Internet), die es den Menschen vermeintlich ermöglicht, endlich mal so richtig die Sau herauszulassen.

Der Autor selbst hat ein derartiges Verhalten immer wieder beobachtet bei einem Kollegen, ein kleiner, etwas arbeitsscheuer Beamter. Im Strassenverkehr kann dieser einfach nicht anders. Sobald er der Meinung ist, dass ein anderer Verkehrsteilnehmer einen Fehler gemacht hat, was nicht immer wirklich der Fall war, dann muss er demjenigen unbedingt eine Lehre erteilen, die dieser nie vergessen wird. Das waren zuweilen brandgefährliche Manöver auf der Autobahn.

 

Warum sind wir im Auto so schnell gestresst?

Alle Autofahrer haben ein gemeinsames Ziel, nämlich so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Dafür planen wir eine einigermassen realistische Zeit ein, manche machen das mit einem grosszügigen Staupuffer, andere Optimisten verzichten darauf. Gerade Letztere reagieren dann sehr gestresst, wenn der normale Verkehrsfluss unerwartete Einschränkungen (z. B. einen Unfall) aufweist. Die Antwort auf die obige Frage tendiert daher in die Richtung, dass wir im Voraus unsere Fahrzeiten zu knapp bemessen. Wer stets einen ausreichenden Zeitpuffer einbaut, erfährt kaum Stress. Kommt man dann zu früh an, kann man vor seinem Termin noch einen kleinen Spaziergang machen, eine unbekannte Region erkunden und sich mental auf die anstehenden Gespräche oder Verhandlungen besser vorbereiten.

 

Sind grundsätzlich Männer aggressivere Fahrer?

Das lässt sich (statistisch) wahrscheinlich nicht von der Hand weisen, handelt es sich hierbei doch im Wesentlichen um Testosteron gesteuerte Wesen. Dieses Sexualhormon hat ja schon traditionell einen eher schlechten Ruf. Wissenschaftliche Studien mit männlichen Gefängnisinsassen ergaben einen ziemlich klaren linearen Zusammenhang zwischen der Schwere des jeweiligen Verbrechens und dem Testosteronspiegel im Blut des Verurteilten. Hinzu kommt die Erkenntnis aus Disziplinarberichten, dass "besonders männliche" Insassen signifikant mehr Konflikte mit Mithäftlingen haben.

Fazit: Die "Bestie" im Mann kann in gewissen Grenzen gezähmt werden. Zum einen braucht es die richtige Frau an seiner Seite, zum anderen die Erkenntnis, dass wir im Auto in der Tat nicht so ganz anonym herumsausen.

Bildquelle: S. Hofschlaeger / pixelio.de

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