Minimalismus als Lebensziel

In der Kunst und Architektur ist der Minimalismus als eine spezielle Ausrichtung vielen bekannt. Es gibt ihn aber auch schon geraume Zeit als angestrebtes Lebensideal, als eine freiwillige Verpflichtung zu maximaler Einfachheit des eigenen Lebens, was auch unter der Bezeichnung "Voluntary simplicity" bekannt ist.

Es ist ein Lebensstil, der sich bewusst gegen die konsumorientierte Überflussgesellschaft wendet. Menschen, die sich dieser Idee anschliessen, gehen davon aus, dass sie durch gezielten Konsumverzicht vielen Alltagszwängen entkommen können. Ihr Leben wird dadurch sehr viel selbstbestimmter und auch erfüllter, so die Einschätzung. Dieser Lebensstil hat z. T. tiefe Wurzeln und wird bekanntlich gepflegt von den Gruppen der Amischen oder der Quäker, aber auch die Hippies der 1960er Jahre waren so drauf.

Der US-Sozialwissenschaftler Duane Elgin veröffentlichte 1981 eine Arbeit, in der der Begriff "Voluntary simplicity" ganz im Kontrast zum konsumorientierten "American way of life" definiert wurde. Zurzeit erlebt dieser Lebensstil geradezu eine Renaissance, interessanterweise nicht nur aus ideologischen oder philosophischen Beweggründen, sondern auch und gerade aus ganz pragmatischen Gründen.

 

Der besondere Reiz des einfachen Lebens

Beim Voluntary simplicity gibt es keine starren Regeln, die jeder gefälligst zu befolgen hat. Hier kann jeder selbst und individuell darüber bestimmen, wie weit er sich freiwillig einschränken kann und will. Vielen Menschen, die sich daran beteiligen, gemeinsam ist sicherlich eine berechtigte Kritik am ausufernden Materialismus unserer Zeit. Stattdessen hinterfragen die Menschen kritisch ihr eigenes Verhalten mit Blick auf ihren Konsum, ihr Besitzstreben und ihre Beziehungen zu anderen Menschen, die Frage danach, was wir wirklich brauchen und vielleicht auch die Frage nach dem Sinn des Lebens bilden einen zentralen Gedankenkreis.

Ein zu hohes Mass an Besitz sowie das Streben nach einem hohen sozialen Status und Prestige werden eher als belastend und hinderlich betrachtet. Konsum als Freizeitbeschäftigung oder zur Unterhaltung wird strikt abgelehnt. Des Weiteren werden die Reizüberflutung und die Schnelllebigkeit der Zeit angeprangert, beide werden als Quell des modernen Burn-out-Syndroms erkannt, das in vielen Fällen am Arbeitsplatz durch die sogenannte Arbeitsverdichtung noch unterfüttert wird.

 

Der pragmatische Ansatz

Die Arbeitswelt, insbesondere der Wahn der befristeten Stellen, verlangt von den Menschen Flexibilität und Mobilität. Alle drei Jahre ein Umzug in eine andere Stadt ist für viele Menschen, gerade junge Wissenschaftler, gang und gäbe. Die immer weiter zunehmende Urbanisierung führt zu exorbitanten Mietpreissprüngen mit der Folge, dass bereits kleine WG-Zimmer kaum noch bezahlbar sind. Bei so minimalem Platzangebot ist jeder mit einem minimal kleinen Hausrat gut beraten. Da ist es kein Wunder, dass junge Menschen den Zeitpunkt einer Familiengründung immer weiter nach hinten verschieben, manchmal so weit, dass es sich nicht mehr lohnt oder biologisch nicht mehr geht. Hinzu kommt noch, dass ein längerer Auslandsaufenthalt der beruflichen Karriere zuträglich ist, ein weiterer Grund dafür, dass die notwendigsten sieben Sachen möglichst in einen grossen Koffer passen. Jeder weiss: Geld lässt sich viel einfacher transportieren.

Und es gibt noch einen technischen Aspekt, der unsere Lebensumstände im Vergleich zu früher revolutioniert hat: das Internet. Während der Umzugswagen junger Leute früher bis zum Dach mit der schweren Schallplattensammlung und 380 tollen Büchern vollgestopft war, wird heute für die Lieblingsmusik eine App für die Cloud verwendet, und 2500 Bücher sind auf dem E-Book-Reader gespeichert, der in etwa einer Tafel Schokolade entspricht.

 

Entrümpelung als neue Lebenseinstellung

Wer ohnehin gerade im Begriff ist, umziehen zu müssen, darf ernsthaft darüber nachdenken, ob diese neue Lebenseinstellung des Minimalismus möglicherweise nicht auch für ihn einen Charme hat. Jeder Umzug ist mit Aufräumen und Ausräumen verbunden. Wenn man den Schwerpunkt auf Letzteres legt und danach dafür sorgt, dass der Krempel in der neuen Bude nicht mehr wird, ist man bereits vollwertiges Mitglied der neuen Bewegung.

Aber Hand aufs Herz: Irgendwann findet jeder Mann die Frau seines Lebens, das ist dann meistens der rechte Zeitpunkt, wenn es heisst, Abschied zu nehmen vom Minimalismus, gut erkennbar an den Massen von Kinderspielzeug, die sich bis unter die Zimmerdecke stapeln.

Bildquelle: Rike / pixelio.de

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