Eine Wanderung durch die Steinberge der Stadt

 

Ein Stadtspaziergang ist heutzutage keine aufregende Angelegenheit mehr. Die meisten benutzen ihr Smartphone. Der Google-Maps Plan steht immer zur Verfügung, gleich bestückt mit allen Leckerbissen, die es in der Umgebung geben könnte, inklusive Geschäfte und Museen. Da ist nichts mehr zu entdecken, so scheint es. 

Es gibt aber auch noch eine andere Welt: Diese Welt ist voll von Abenteuern, von neuen Erfahrungen, fern ab von Konsumzwang und von Karriere. Sie heisst: Begegnung mit Menschen und Steinblöcken. 
Warum also im Urlaub nicht einmal etwas ausprobieren. Gleich wie eine Wanderung in den Bergen, zu der man Proviant mitnimmt, eine Landkarte und auf das Wetter schaut, begibt man sich in den Stadtraum. Die Kinder kommen mit. 

Anstatt aber nun die gewöhnlichen Wege einzuschlagen, nimmt man eine Linie, an der man entlangwandert. Gut eignet sich eine Linie von Nord nach Süd. Eine Linie, die es eigentlich nur auf dem Plan gibt, aber nicht in der Realität. Ein imaginäres Konstrukt. Nun versucht man, diese Linie so genau wie möglich entlangzugehen und mit den Bewohnern auf der Linie in Kontakt zu kommen. Man wird Räume erleben, die man sich nicht vorstellen konnte und Begegnungen haben, die seltsam und aufregend sind. Man kann eine Stadt dadurch gänzlich neu erfahren. 

Im grösseren Sinn hat es das schon gegeben. Das Projekt hieß "City Joker" und fand in Graz statt. Hier wurde die vordringlichste Linie zwischen Nor und Süd bereist, sie ging auch durch das Rathaus von Graz. Bewohner der Stadt konnten teilnehmen und in verschiedenen Truppen mitgehen. Dabei bestieg man Hochhäuser, um die Linie zu überwinden, überquerte die Mur (den Fluss durch Graz) mit einem Boot und durchkreuzte auch die Hinterhöfe, Wohnzimmer und Gartenhäuschen einer Stadt. 

Nun wird es, wenn man mit der Familie unterwegs ist nicht um die Ersteigung von Hindernissen wie Hochhäusern gehen. Aber neue Räume innerhalb der Stadt kennen lernen kann man trotzdem. Möglicherweise ändert sich danach die Einstellung zu den Gebieten, die man durchstreift hat. Vielleicht gibt es viel bessere Plätzchen und Situationen, als man sich vorstellen konnte, oder es ist genau umgekehrt: Mit der Stadtwanderung ergibt sich, dass die Stadt viel hässlicher ist, dass die Bewohner unglücklich sind und man froh ist, wieder zu Hause zu sein. Was für eine Katastrophe! 

Die Line kann sich natürlich auch verbiegen. Sie muss nicht unbedingt ganz gerade durch die Stadt führen. So ist eine Wanderung entlang der ehemaligen Staatsgrenze innerhalb Berlins ein spannendes Unterfangen. Hier kann man erkennen, dass die Stadt sich schon die meisten Areale unter den Nagel gerissen hat, und die Wunde des ehemaligen Grenzraumes zuwächst. An manchen Orten weiß man nicht mehr, wo man sich befindet. Ist man nun im ehemaligen Ostberlin oder im ehemaligen Westberlin? Die Atmosphären sind zu ähnlich. Die Stadt ist zugewachsen, die Wunde zumindest von der materiellen Struktur her verheilt. 

Was wir für eine Stadtwanderung entlang einer Linie benötigt: 
1) festes Schuhwerk 
2) einen analogen Plan 
3) Fotoapparat 
4) Interesse an der Stadt 
5) Abenteuerlust 
6) Regenschutz 

Mit den Kindern kann sodann ein eigenes Fotobuch gestaltet werden, welches die Eindrücke auf der Linie festhält und zu etwas ganz Besonderem macht. Die Kinder werden es so schnell nicht vergessen und wahrscheinlich schon begeistert auf die nächste Wanderung im darauffolgenden Jahr warten.

 

Bildquelle: birgl / pixabay.com

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